Taijiquan / Tai Chi und Aikido?

Na endlich. Nun sind die Inzidenzwerte auch in Ingolstadt wieder auf einem Niveau, dass der Öffnung des Dojos nichts mehr im Wege steht.

Ich freue mich total, wohl wissend, dass mich die kommenden Tage wieder ein dicker Muskelkater begleiten wird. Aber ich will es ja auch nicht anders. 🙂

Wie manch einer weiß habe ich Taijiquan geraume Zeit praktiziert. Und wie der aufmerksame Leser dieses Blogs sicherlich ebenfalls weiß, habe ich Taiji an den Nagel gehängt, weil 1. das Prinzip der Kampfkunst im Westen so gut wie keine Rolle mehr spielt und 2. weil mein EGO sich noch immer als jung, kraftvoll und außerordentlich beweglich sah. Ich wollte mich wieder auspowern – so einfach ist das.

Aber wieso komme ich gerade jetzt wieder auf Taijiquan? Eine seltsame Idee aufgrund der Corona- Pause? Möglich. Der Ursprung dieser Idee war jedoch ein anderer. Nach meinem letzten Hexenschuss, einem Besuch und intensiverer Untersuchung beim Orthopäden und anschließender Physio ist diese Idee gewachsen. Lt. Orthopäde stünde auch härterem Kampfkunsttraining im Grunde nichts im Weg, ich muss allerdings anfangen auf meinen Körper zu hören.

Qi Gong übe ich nun nach Abschluss meines Kurses beinahe täglich und einige Bewegungen, Prinzipien, Atemtechniken und Ideen sind identisch mit Taiji – klar, denn im Grunde gehören Qi Gong und Taiji zusammen, basieren auf der daoistischen Lehre und werden zumindest in China noch weitestgehend gemeinsam unterrichtet.

Qi Gong tut mir unwahrscheinlich gut, die Beweglichkeit in der Hüfte und im Lendenwirbelbereich nimmt zu und ich bin heute quasi wieder schmerzfrei. Seit einigen Wochen laufe ich wieder die 85er Form aus dem Yang-Stil und habe dabei viele Überschneidungen mit den Prinzipien im Aikido bemerkt. Mein neugieriger Geist war geweckt.

Ueshiba und China? Da war doch was? Hatte Ueshiba vielleicht Kontakt mit und chinesischen Kampfkünsten?

Dass Ueshiba einige Male in China unterwegs war, weiß glaube ich jeder Aikidoka. Ob er dort nun Kontakt mit chinesischen Kampfkünstlern hatte und gar mit ihnen trainierte ist unklar, aber eher unwahrscheinlich. Ich meine es gibt viele Ideen und Theorien dazu, aber bewiesen ist hier nichts. Andererseits haben sich China und Japan immer wieder gegenseitig in den Jahrhunderten, mal mehr, mal weniger stark, beeinflusst, so daß chinesische Einflüsse in allen originär japanischen Kampfkünsten zu finden sind.

Ich persönlich glaube nicht, dass o’Sensei in seinen Zeiten, die er auf dem chinesischen Festland war genug Zeit mit chinesischen Bagua-Experten verbrachte, um sich großartig inspirieren zu lassen. Im Grunde denke ich sogar, dass hier gar kein Kontakt stattgefunden hat. Aikido hat sich aus dem Jiu Jitsu entwickelt, aber Jiu Jitsu soll der Legende nach tatsächlich von China nach Japan importiert worden sein.

Wie auch immer – letztlich hat jeder Mensch 2 Arme, 2 Beine, einen Körper. All dies kann er lediglich in einem bestimmten Rahmen zur Selbstverteidigung einsetzen, je nach Konstitution, Beweglichkeit und Kraft etwas mehr, oder eben weniger. Somit sind die Voraussetzungen aller Kampfkünste schon mal gleich und dass sich ähnliche Prinzipien an den unterschiedlichsten Ecken der Welt entwickeln somit logische Konsequenz.

Wenn ich also nun Taiji und Aikido äußerlich miteinander vergleiche, wirken die beiden Kampfkünste dramatisch unterschiedlich. Müsste ich diese Kampfkünste einem Element zuordnen, wäre Taiji für mich Wasser, Aikido dagegen der Wind. Wasser ist nah dran, abwartend, vordringend, zurückweichend. Wind ist nicht greifbar, unstet, mal hier, mal dort. Im Grunde sind sich beide aber recht ähnlich.

Taiji wird heutzutage kaum noch als Kampfkunst unterrichtet, es wird stattdessen penibel auf die richtige Durchführung der Form geachtet. Es ist eine seltsame Innenschau, ein Beobachten der internen Prozesse und der dabei eintretenden Veränderungen im Körper – und letztlich dadurch auch im Geist.

„Erst wenn Du es langsam kannst, kannst Du es auch schnell!“ Sagt mein Taiji-Lehrer, meist gefolgt von einem eindringlichen „ENTSPANNEN!!“ Es klingt wie ein Hohn, wenn man in extremer Zeitlupe versucht einen hüfthohen Kick durchzuführen…

Ich glaube beide Kampfkünste können sich gegenseitig befruchten. Taiji kann das Aikido verbessern, in dem die internen Körperbewegungen in die Aikidotechniken einfließen. Aikido kann das Taiji verbessern, weil man die konkrete Wirkungsweise dieser Bewegungen erleben kann.

Ich werde es auf jeden Fall ausprobieren. Ob ich beides in einer normalen Arbeitswoche unter einen Hut bekomme, weiß ich natürlich nicht. Sollte es aber klappen, werde ich sicherlich berichten.

In diesem Sinne: Ab ins DOJO!

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